“Vorspiel” vor was?

Eine Einladung zur (Selbst-)Reflexion zu Sex & Sprache

Wann hört Vorspiel auf und fängt Sex an? Beim Gedanken daran oder beim lustvollen Austauschen von Blicken? Vielleicht bei einem intensiven Kuss? Beim Greifen unter das Shirt oder doch erst bei genitaler Stimulation?

Zwei Menschen, die sich küssen.

Der Beginn von Sex ist genauso wenig konkret zu benennen wie Sexualität an sich – dabei gibt es auch kein objektives Richtig oder Falsch. Grundvoraussetzung ist dabei nur, dass Konsens vorhanden ist. Was zu Sexualität zählt, entscheiden allein die Menschen, die miteinander Sex haben und jede*r individuell für sich.

Gleiches gilt für die Benennung von Sexpraktiken: Was Menschen unter “Vorspiel“ verstehen, ist individuell. In der Regel ist damit jedoch die Vorbereitung auf den Penetrationssex² gemeint – z.B. mit küssen, sich anfassen, Oralsex.

Der Begriff Vorspiel” rückt den Penetrationssex in den Fokus, auf den sich vorbereitet wird. Für einige mag das so stimmig sein, für viele wiederum nicht. Besonders für viele queere Paare, für die Penetrationssex keine oder eine geringe Rolle in ihrem Sexualleben spielt, ist die Bezeichnung “Vorspiel” ohnehin in der Regel nicht passend. Sprache hat immer auch einen Einfluss darauf, wie wir Dinge wahrnehmen und eventuell auch bewerten und deshalb kann es sich lohnen sich mit der eigenen Sprache und daraus resultierenden Sichtweisen auseinanderzusetzen.

Penetrationssex kann natürlich Teil von Sexualität sein und ja, kann auch im Zentrum dieser stehen, wenn das alle Beteiligten so wünschen. Es bietet jedoch neue Potentiale, Vorspiel bereits als Sex zu deuten und Penetrationssex (wenn gewollt) als Teil von Sex und nicht als Zentrum dessen anzusehen. Dadurch entsteht mehr Spielraum für sexuelle Intimität: Es kann gemeinsames Ausprobieren fördern und Performancedruck verringern. Sex ist letzten Endes so individuell, wie jede*r selbst & wann er anfängt, kann jede*r selbst entscheiden - & manchen ist das sicherlich auch gar nicht so wichtig, und das ist auch okay.

Wenn du allerdings Lust hast, dich (vielleicht ja auch mit Partnerperson(en)) noch ein bisschen mit deinen Vorstellungen zu Sprache, Sex & Vorspiel auseinanderzusetzen sind hier ein paar Fragen für Gedanken- und/oder Gesprächsanstöße:

  • - Was brauchst du, um Lust auf sexuelle Nähe spüren zu können? Wo spürst du deine Lust?

  • - Was zählt für dich zu Sex?

  • - Magst du lieber verbale oder non-verbale Kommunikation, um Sex zu initiieren?

  • - Gibt es etwas, was beim Sex für dich immer dazugehört?

  • - Für was möchtest du dir beim Sex gerne mehr Zeit nehmen?


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²kleiner Exkurs passend zum Thema Sex & Sprache: "Penetration" beschreibt das Eindringen. Das weniger bekannte Wort "Circlusion" beschreibt das Aufnehmen. Gemeint ist dabei an sich der gleiche Akt, es wird dabei jedoch das Aufnehmen als aktiver Part ins Zentrum gerückt. Ich verwende in diesem Blogpost das Wort "Penetration", da es geläufiger ist und dadurch das Verständnis erleichtert.
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